Von Jägern zu Scharfschützen

Der Einsatz von leichten Scharfschützengewehren im Amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865.

 

Unmittelbar nach Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkrieges formierten sich zwei Scharfschützenregimenter in der Unionsarmee, die ausgesuchte Präzisionsschützen in ihren Reihen einten. Anfangs von vielen Beobachtern belächelt, mauserte sich die Truppe zur Elite und stellte ihre enorme Feuerkraft kombiniert mit tödlicher Präzision in zahlreichen Schlachten bis zum Ende des Krieges unter Beweis. Ausgerüstet mit modernen Hinterladegewehre, Schützenrifles und schweren Targetrifles sorgten die Soldaten mehrfach dafür, dass Schlachten zugunsten ihrer eigenen Armee entschieden werden konnten.

 

Testschießen

 

Aller Anfang war schwer. Diese Erfahrung mussten Rekrutierungsoffziere der Union wohl im Juli 1861 machen, nachdem der Zustrom an Freiwilligen für ein Scharfschützenregiment waffentechnisch nicht annähernd abgedeckt werden konnte. Die zahlreichen Aspiranten waren meist Jäger, Mitglieder hiesiger Schützenvereine oder einfach selbsternannte Meisterschützen, die sich in das große Abenteuer des entfachten Bürgerkrieges stürzen wollten. Trotz der schwierigen Aufnahmekriterien kam es rasch zur Bildung von insgesamt zwei Regimentern, in welchen ausnahmslos vorzügliche Schützen nun ihren Dienst verrichteten.

Zuvor mussten die Männer mit 10 Schüssen in einem frei wählbaren Anschlag, eine gut 180 m entfernte Scheibe treffen. Der Streukreis durfte dabei nicht größer als 25 cm betragen. Unter den Augen der aufmerksamen Offiziere, die selbst herausragende Schützen waren, trennte sich hier die Streu vom Weizen. Einer der Gründer der neuen Eliteeinheiten, Hiram Berdan, führte persönlich Einstellungstests im Sommer 1861 in Weehawken, New Jersey, durch. Er hatte sich hierzu extra eine Schweizer Scheibenbüchse von befreundeten eingewanderten Schützenkameraden ausgeborgt, damit die Freiwilligen mit dieser Waffe die Testserie schießen konnten. Geübte Schützen erreichten mit dem Schweizer Scheibengewehr nahezu unglaubliche Treffer. Schnell war klar, dass solche Präzisionswaffen mit schwerem Achtkantlauf im Einsatz über besonders große Distanzen dominieren würden.

 

Jede Menge Jagd- und Sportgewehre

 

Die meisten der Freiwilligen verfügten bereits als Jäger oder Sportschützen über große Erfahrungen im Präzisionsschießen. Viele von ihnen brachten daher gleich ihre eigenen Waffen zum Testschießen mit. Im Falle ihrer Einmusterung behielten einige der Rekruten ihre privaten Gewehre, nachdem ihnen zugesichert worden war, dass die Regierung die Waffen für $ 60,00 abkaufen würde. Sollte sich ein Soldat nicht von seinem Gewehr trennen, so standen ihm monatlich $ 3,00 Aufwandsentschädigung zu.

Im September 1861 begann die Ausbildung der Soldaten des 1. United Sharpshooter Regimentes in Washington. Von Anfang an herrschte große Uneinigkeit über die zukünftige Standartbewaffnung der Scharfschützen. Schließlich einigten sich Regierung und Militär auf das Hinterladegewehr von Christian Sharps. Allerdings wurden die Waffen erst im Mai 1862 an die Truppe ausgegeben. Bis dahin trainierten die Soldaten mit Jagd – und Sportgewehren, die sie meist von zu Hause mitgebracht hatten. Einige führten schwere Scheibenbüchsen mit Achtkantlauf, die durchaus 10 Kilogramm und mehr wogen. Diese Slug Guns konnten über weite Entfernungen bis zu 1000 Yards zielgenau treffen. Leider gestalteten sich Ladevorgang und Transport sehr umständlich. Die berühmteste dieser unhandlichen Ungetüme war die 22 Pfund schwere Bench Rest Rifle von Edwin Wesson, die vereinzelt von den Scharfschützen geführt wurde. Wesson fertigte die Waffen in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts in seinen Werkhallen in Worchester, Massachusetts. Einige dieser überdimensionierten Vorderlader wurden im Verlauf des Bürgerkrieges von der Regierung für bis zu $ 150,00 gekauft und an Scharfschützeneinheiten ausgegeben.

Etwas leichter, aber in Präzision und Reichweite ebenbürtig, erwiesen sich Scheibenbüchsen mit Voll – oder Halbschäftung. Einige dieser Waffen stammten zumeist aus Schützenvereinen, die wiederum auf die Brauchtumspflege aus Europa zurückgingen. Hierzu hatten sich speziell Schweizer und deutsche Einwanderer ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in ihrer neuen Heimat verdient gemacht. Bei ihnen standen Schützenturniere hoch im Kurs und insbesondere die Schweizer waren für ihre Schießkünste berühmt. Nun versahen viele von ihnen seit August 1861 den Dienst im 1. U.S.S.S. – Regiment. Ihre Waffen handhabten die Soldaten nahezu perfekt. Anstatt allerdings auf Scheiben oder Wild zu schießen, legten sie nun auf ihre Gegner aus dem Süden an und brachten ihnen das Fürchten bei. Diese Präzisionsgewehre wurden aufgrund ihrer Herkunft als Schützenrifles bezeichnet. Sie tauchten in den unterschiedlichen Ausfertigungen während des Amerikanischen Bürgerkrieges auf. Mit oder ohne Patchbox aber immer mit deutschem Stecher, manchmal mit kunstvollen floralen Verzierungen versehen, waren die Schützenrifles der Stolz eines jeden Besitzers. Das Kaliber schwankte zwischen .30 und .45. Jeder Schütze goss daher seine Bleiprojektile - Langgeschosse mit Fettrillen - selbst.

Zum besseren Laden gehörte in der Regel auch eine Falsche Mündung (false muzzle), die mittels vier Stifte auf der Mündung fixiert werden konnte. Durch die leicht konische Form und aufgrund des geringfügig größeren Durchmessers der false muzzle, ließ sich ein Geschoß mit wenig Aufwand unter Zuhilfenahme eines Geschoßstarter (bullet starter), die ersten beschwerlichen Zentimeter in den Lauf laden. Die Falsche Mündung ging auf die Entwicklung von Alvan Clark aus Boston zurück. Dieser hatte die Ladevorrichtung in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelt und die Fertigungsrechte mit Edwin Wesson ausgehandelt. Wesson erteilte schließlich im Jahre 1848 seinen Büchsenmacherkollegen die Erlaubnis, die patentierte false muzzle auch in ihren Modellen zu verwenden. Jedes Schützengewehr wurde mit umfangreichem Zubehör ausgeliert. Neben Kugelzange, Falscher Mündung mit Geschoßstarter gehörten Reinigungsset und individuelles Montierwerkzeug zur Grundausstattung des Schützen. Aufgrund dieser Spezifität jeder einzelnen Scheiben – oder Schützenrifle war eine verloren gegangen oder erbeutete Waffe ohne Zubehör für den Feind nahezu wertlos.

Oberst Hiram Berdan (1824 - 1893) und "California Joe", eigentlich Truman Head (geb. ca. 1820 in Otsego, New York), auf Erkundung.

 

Scharfschützengewehre mit Dioptervisierung

 

Der Nutzen der eingesetzten Scharfschützengewehre hing ganz wesentlich von der Visiereinrichtung ab. Viele Jagd – und Scheibengewehre waren mit ganz gewöhnlicher offener Visierung ausgestattet. Speziell die konföderierten Scharfschützen konnten nicht wie ihre Feinde im Norden aus Waffenarsenalen schöpfen, bzw. sich ihre Waffen umbauen lassen. Daher verzichteten viele von ihnen auf eine aufwendige Zieleinrichtung und verließen sich schlicht auf ihre Erfahrungen als Jäger und Sportschützen. Trotz der einfachen und nicht immer präzisen offenen Visierung bot diese jedoch einige entscheidende Vorteile gegenüber Diopter oder Zielfernrohren. Der Schütze konnte problemlos das Ziel „aufnehmen“ und gleichzeitig die Umgebung weiterhin beobachten. Nach dem Schuss ließ sich das Ergebnis rasch feststellen. Aufgrund der einfachen Visierung hielt sich die Störanfälligkeit im Feldeinsatz in Grenzen. Ohnehin erwies sich das Nachregulieren der Visiereinrichtung als einfach für den geübten Schützen. Dennoch kamen viele Scharfschützengewehre zum Einsatz, die durch aufgesetzte oder aufgeschraubte Diopter oder Zielfernrohre besonders martialisch wirkten. Bei einigen Waffen bedeckte eine dünne Messingröhre den gesamten Lauf. Die meisten dieser Zielfernrohre kamen gänzlich ohne Vergrößerungsgläser aus. Sie reduzierten lediglich den Zielausschnitt auf wenige Quadratmillimeter und fokussierten den Blick des Schützen darauf. Der Blick durch eine dunkle, schmale Röhre schärfte das Auge des Schützen, da weitere störende Sinneswahrnehmungen minimiert wurden und er sich ganz auf das Ziel konzentrieren konnte.

Eine andere Zielvorrichtung, die sich bis heute bewehrt hat, war die Dioptervisierung. Wie die offene Visierung bestand auch die Dioptervisierung aus zwei Teilen. Unmittelbar vor oder hinter der Schwanzschraube saß eine Verstellschraube, die das Diopter in der Höhe regulieren konnte. Das Diopter selbst bestand meist aus einer konisch zulaufenden Holzröhre, die in der Mitte mit einem kleinen Loch durchbohrt war. Das ganze saß auf einer gut 15 bis 20 cm langen Stahlschiene, welche auf dem Laufende in vielen Fällen mittels Einschubvierkant angebracht werden konnte. Idealerweise wurde der Abstand zwischen Auge und Diopter auf weniger als 10 cm eingestellt, um ein optimales Absehen zu ermöglich. Blickte der Schütze nun durch die kleine Öffnung im Diopter, musste er nur noch den Korntunnel zentriert auf das Ziel ausrichten und abdrücken. Horizontale Einstellungen konnten sowohl am Diopter als auch am Korntunnel vorgenommen werden. Mit diesem Diopter, das ohne Vergrößerung auskam, ließen sich mühelos Ziele bis auf 1200 Yards bekämpfen. Schützenrifles und Scheibengewehre waren überwiegend mit schweren gebläuten oder bräunierten Achtkantläufen ausgestattet. Während im Osten und Norden der U.S.A. Waffen mit Halbschaft aus feinem Nussbaum überwogen, bevorzugten die Büchsenmacher im Westen einen Vollschaft für ihre Jagd – bzw. Scheibengewehre. In vielen Fällen war ein integrierter Ladestock nicht vorgesehen. Dieser wurde mit dem umfangreichen Zubehör ausgeliefert.

 

Die halbgeschäfte Sniper lässt sich mit wenigen Handgriffen zerlegen

 

 Hitzige Gefechte und zermürbende Duelle

 

Im Frühjahr 1862 ließ der Oberbefehlshaber, General George B. McClellan, das 1. und 2. U.S.S.S. Regiment in Marsch setzen. Dabei wurden die Scharfschützen überwiegend als Flankendeckung der großen Armeen eingesetzt. Während die schier endlosen Kolonnen der Infanterie und Artillerie auf mehr oder weniger ausgebauten Wegen marschierten, kämpften sich die Scharfschützen durch das Unterholz. Dadurch waren die Männer gezwungen, in lockeren Schützengruppen vorzugehen. Eine Taktik, die sie während ihres gesamten Kriegseinsatzes immer wieder erfolgreich praktizierten. Nur wer über eine schwere Scheibenbüchse verfügte genoss das Privileg, dass seine Waffe mit Karren transportiert wurde.

Im April 1862 kam es zu den ersten Zusammenstößen mit dem Feind. Dieser hatte sich in Yorktown, Virginia, eingegraben und erwartete die Unionstruppen mit schweren Geschützen. Die konföderierte Artillerie bediente sich dabei einer gängigen Praxis, indem die Kanoniere zum Schutz vor feindlichem Beschuss ihre Geschütze zum Laden hinter einen Wall aus Sandsäcken zurückrollten. Nachdem eine Gruppe der F Kompanie der Scharfschützen sich weit genug an den Feind herangepirscht hatten, eröffneten sie das Feuer. Allerdings richteten sie ihren Beschuss auf die Sandsäcke, welche unmittelbar in Höhe der Mündung der Kanone lagen. Auf diese Weise füllte sich der Kanonenlauf mit umherspritzenden Sand. Der Schuss versagte, das Rohr krepierte. Die Artillerie war ein bevorzugtes Ziel von Scharfschützen beider Seiten. Kleine Trupps ausgewählter Schützen gruben sich meist im Flankenbereich ein und schalteten die Kanoniere reihenweise aus. Deren Geschütze zielten in aller Regel direkt nach vorn und waren daher dem tödlichen seitlichen Beschuss der Scharfschützen hilflos ausgesetzt.

Besonders eindrucksvoll demonstrierten die US – Scharfschützen ihre Fähigkeiten während der Schlacht von Malvern Hill, Va., am 1. Juli 1862. Innerhalb 10 Minuten dezimierten sie die reitende Artillerie, die so genannten Richmond Howitzers, auf 10 Mann und zwei Pferde. Nicht immer dominierten die Scharfschützen aufgrund ihrer Schießkünste und der hohen Kadenz ihrer Hinterladegewehre. Oft verschanzten sich einzelne Schützen mit ihren slug guns oder Schützenrifles tagelang hinter Mauern oder saßen im Geäst eines Baumes. Hier lauerten sie dem Feind auf und versuchten über weite Distanzen insbesondere die Offiziere des Gegners auszuschalten. Den Unionsscharfschützen fielen auf diese Weise mindestens 5 konföderierte Generale zum Opfer. Die konföderierten Präzisionsschützen töteten nachweisbar sogar 7 Generale der Union. Die psychologische Wirkung eines Treffers auf weite Distanz war nicht zu unterschätzen. In einem gut gewählten Versteck ließen sich problemlos mehrere präzise Schüsse abfeuern, ohne dabei entdeckt zu werden. Der Gegner geriet oft in Unordnung, manchmal sogar in Panik, wenn plötzlich ein Offizier tödlich getroffen aus dem Sattel fiel. Gegenwehr blieb in Anbetracht eines unsichtbaren Scharfschützen meist erfolglos.

Lagen sich zwei oder mehr feindliche Scharfschützen gegenüber, entstand eine völlig andere Situation. Die Schützen verharrten oft stunden, manchmal tagelang in ihren Stellungen, bis einer von ihnen den tödlichen Schuss abgeben konnte. Ein Stellungswechsel wurde nur in den wenigsten Fällen durchgeführt. Selbst das Variieren innerhalb der eingenommen Stellung war weitestgehend unbekannt. Beliebt und erprobt war lediglich das Auflegen oder Schwenken des Hutes, um die Treffsicherheit und den Standort des Gegners bestimmen zu können. In zahlreichen Berichten wurden solch zermürbende Duelle beschrieben, die meist mit dem Tod einer der beiden Schützen endete. Während der Belagerung von Yorktown beobachtete ein Unionsoffizier den Schusswechsel zwischen Schütze John Ide und einem gegnerischen Scharfschützen. Ide war mit einer schweren slug gun mit Zielfernrohr bewaffnet und hatte sich in der Ecke eines alten Hauses verschanzt. „ Es wurden einige Schüsse zwischen den beiden Männern gewechselt und es schien sich für beide zu einer ernsthaften persönlichen Angelegenheit zu entwickeln. Ide hatte erneut geschossen, verfehlte jedoch sein Ziel. Er lud nach, brachte sein Gewehr in Anschlag und sackte plötzlich leblos zusammen. Das Geschoss seines Gegenübers hatte ihn direkt in die Stirn getroffen und augenblicklich getötet.“

Winslow Homers (1836 - 1910) berühmte Skizze eines Unionsscharfschützen.

 

Im Verlauf der Belagerung von Yorktown, die sich bis Mai 1862 hinziehen sollte, kam es häufig zu Begegnungen zwischen Scharfschützen. Während dieser Zeit fielen einige Unionsscharfschützen einem farbigen konföderierten Schützen zum Opfer, der immer wieder entkommen konnte. Eines Nachts schlich sich Feldwebel William Andrews von der E Kompanie an die vermeintliche Stellung des feindlichen Scharfschützen heran und wartete dort bis zum nächsten Morgen. Und tatsächlich entdeckte Feldwebel Andrews den Farbigen hinter dem zerschossenen Kamin eines heruntergekommenen Hauses. Aus seinem Versteck heraus tötete Andrews den konföderierten Scharfschützern mit einer schweren Scheibenbüchse.

Ein letztes Mal kamen die U.S. – Scharfschützen während der Belagerung von Petersburg, Virginia (Juni 1864 bis April 1865) zum Einsatz. Einige Schützen des 1. Regimentes richteten auf der Veranda eines nahe gelegenen Hauses ihr Quartier und gleichzeitig ihren Schießstand ein. Schnell sprach sich unter den konföderierten Soldaten herum, wer dort in gefährlicher Nachbarschaft Stellung bezogen hatte. Berichten zufolge benutzen einige kriegsmüde Konföderierte die Gelegenheit, durch ihre (hoffentlich leichte) Verwundung Genesungsurlaub zu erhalten. Dazu mussten sie lediglich ihre Hand aus den Schützengraben heben, den Rest, so hieß es, würden dann die Jungs auf der Veranda übernehmen.

 

Von der Kriegswaffe zum begehrten Sammlerstück

 

Im Sommer 1865 kam das Aus für die Scharfschützeneinheiten beider verfeindeter Armeen. Die ausgemusterten Soldaten nahmen ihre Waffen entweder mit nach Hause oder verkauften sie an die Regierung. Einige besonders gute Stücke gelangten dabei in Museen oder wurden an Militärschulen zur Ausbildung weitergegeben.

Heute sind Scharfschützengewehre aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg gesuchte Sammlerstücke. Besonders kunstvolle Perkussionsgewehre stellen durchaus den Höhepunkt einer umfangreichen Sammlung dieser Epoche dar. Für ein halbgeschäftetes Perkussionssportgewehr mit geringer bis mittlerer Verzierung muss man etwa $ 1000,00 berappen. Sollte es sich allerdings um ein Modell mit geradezu kunstvoller Ausschmückung handeln, können durchaus über $ 6000,00 verlangt werden. Eine in den Staaten gefertigte Schützenrifle nach europäischem Vorbild wird heute unter Sammlern je nach Zustand zwischen $ 900,00 und $ 4500,00 gehandelt.

Eines scheint indes seit jeher Gültigkeit behalten zu haben: Scharfschützengewehre, welche während des Amerikanischen Bürgerkrieges ohne falsche Mündung und dem entsprechenden Werkzeug auftauchten, galten als nutzlos. Heute, über 140 Jahre später, führt der Verlust einer falschen Mündung zu einer Wertminderung der Waffe von 20 bis 50 %! Ein Indiz dafür, dass einige dieser hochqualitativen Zeugnisse einer kriegerischen Vergangenheit auch nach so langer Zeit kein tristes Dasein in der Vitrine manch Sammlers fristen müssen.

An der Mündung sind vier Bohrungen zu erkennen, in welche eine "Falsche Mündung" aufgesetzt werden konnte.

 

Mit tödlicher Präzision - Scharfschützen im Amerikanischen Bürgerkrieg

 

Die Tradition der Scharfschützen in Amerika reichte bis in den Unabhängigkeitskrieg zurück. 1775 schlossen sich einige Jäger aus Pennsylvania einem unabhängigen Bataillon der Kontinentalarmee an und brachten den Briten das Fürchten bei. 1808 wurde dann das erste reguläre Schützenregiment der amerikanischen Armee gebildet und mit Erfolg während des Krieges 1812 bis 1814 eingesetzt. Nach dem Krieg, der auch als zweiter Unabhängigkeitskrieg bezeichnet wird, verschmolzen die Schützeneinheiten mit den wenigen regulären Regimentern. Hier spielten sie in den nachfolgenden Konflikten der jungen amerikanischen Nation nahezu keine Rolle.

Mit Ausbruch des Bürgerkrieges im Frühjahr 1861 erwachte der Gedanke an eine Scharfschützeneinheit von neuem und nahm in der Bildung des 1. U.S.S.S. Regiments am 20. August 1861 konkrete Form an. Der gedankliche Vater der Einheit dürfte wohl der Schweizer Einwanderer Caspar Trepp gewesen sein. Er schöpfte aus seinen Erfahrungen während des Krimkrieges 1854 – 1856  und erkannte rasch die Notwendigkeit einer Scharfschützeneinheit. Den einflussreichen Beziehungen des Hiram Bingham Berdan war es schließlich zu verdanken, dass der Gedanke in die Tat umgesetzt werden konnte. Berdans Rolle als späterer Befehlshaber der Unionsscharfschützen war stets umstritten. Der militärische Dilettant und Drückeberger konnte allerdings mit seinen ausgezeichneten Schießkünsten überzeugen und wurde sogar 1865 mit dem Titelrang eines Brigadegenerals ausgezeichnet. Neben dem 1. und 2. United Sharpshooters, rekrutierten sich bis 1864 weitere neun Schützeneinheiten im Norden. Zu ihrer Bewaffnung gehörten Sharpsrifle oder Coltgewehr. In jeder Kompanie führten einige Soldaten schwere Scheibengewehre und Schützenrifles.

Im Süden erkannte man im Frühjahr 1862 die Notwendigkeit, dem Vorbild des Gegners mit eigenen Spezialeinheiten zu folgen. Im April 1862 erließ der Kongress der Konföderierten Staaten eine Verordnung über die Bildung von Scharfschützeneinheiten. Im Unterschied zu den bereits erfolgreich operierenden Einheiten des Gegners, sollten die konföderierten Bataillone ausschließlich aus Männern ein und derselben Region bestehen. Hierzu löste man die besten Schützen aus den Regimentern aller Waffengattungen und rekrutierte sich für den Sonderdienst. Konföderierte Scharfschützen verfügten daher im Gegensatz zu ihren Feinden über Kriegserfahrungen. Die lästige Ausbildung konnte auf ein Minimum reduziert werden.

Die am häufigsten eingesetzten Gewehre stammten aus England. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich dabei Whitworth - und Kerr Gewehre, die für ihre überdurchschnittliche Präzision berühmt waren. Die Gewehre besaßen ein kleineres Kaliber (.45) und wurden mit einem speziellen Pulver geladen. Gute Schützen konnten auf Entfernungen von etwa 1200 yards mannshohe Ziele wirkungsvoll bekämpfen. An einigen Whitworths ließen sich seitlich Zielfernrohre befestigen, mit denen unter Umständen der Feind bis auf eine Meile Entfernung anvisiert und wirkungsvoll beschossen werden konnte. Bis 1863 rekrutierte die konföderierte Armee schließlich 16 konföderierte Bataillone, welche als Scharfschützeneinheiten erfolgreich auf allen Kriegsschauplätzen eingesetzt wurden. In Anbetracht der schlechten militärischen Ausrüstung gelang es den konföderierten Scharfschützen deutlich besser, ihre Fähigkeiten unter den Bedingungen des Bürgerkrieges optimal zu entfalten. Sie erwiesen sich dabei als Individualisten innerhalb der Bataillone, die in den gut ausgerüsteten Scharfschützen der Nordstaaten einen nahezu ebenbürtigen Gegner bekämpfen sollten.

Ein Unionsscharfschütze vor den Toren von Vicksburg, Miss. Oben links ist der Blick durch eine Dioptervisierung dargestellt.

 

 

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