Ausgewählte Biografien

 

Stefan Papp jr.

 

Major General Gottfried Weitzel (1835-1884)

 

Gottfried (Godfrey) Weitzel wurde am 1. November 1835 in Winzeln - unweit von Pirmasens - in der bayerischen Pfalz als Sohn des Schneiders Ludwig Weitzel und seiner Frau Susanna, geborene Krümmel, geboren.[1] 1836 emigrierte die Familie in die USA und ließ sich in Cincinnati, Ohio, nieder. 1849 machte Weitzel seinen Schulabschluss an der Central High School. Durch die Vermittlung eines Kongressabgeordneten erhielt er 1850 einen Studienplatz an der Heeresakademie zu West Point, New York. Hoch intelligent und mit einem Ingenium für Mathematik gesegnet, graduierte er am 1. Juli 1855 als Zweitbester (von 34 Absolventen) seines Jahrgangs und wurde als Brevet Second Lieutenant dem elitären Geniekorps zugeteilt.[2] 

 Die nächsten Jahre brachte Weitzel mit der Konstruktion und Instandsetzung der Küstenbefestigungen von New Orleans zu. 1859 folgte seine Berufung zum Assistant Professor of Civil and Military Engineering nach West Point. Bei Ausbruch des Bürgerkrieges im April 1861 vorübergehend nach Fort Pickens, Florida, kommandiert, wurde er am 1. Oktober 1861 zum Chief-Engineer seiner Heimatstadt gekürt. Im Dezember 1861 ernannte ihn der Oberkommandierende der Armee, Major General George B. McClellan, zum obersten Genieoffizier des Military District of Washington. Am 22. Februar 1862 wurde Weitzel Chief-Engineer im Stab Major General Benjamin F. Butlers, der mit der Aufgabe betraut worden war, die Hafenstadt New Orleans in Kooperation mit der Kriegsmarine zu erobern. Weitzels Expertise und Ortskenntnisse waren gefragt.

 Butler, ein gewiefter Politiker aus New England mit kümmerlichen taktischen Fähigkeiten, fasste schnell Zutrauen zu dem kompetenten, aufgeweckten Subalternoffizier und förderte dessen Karriere nach Kräften. Auf Butlers Drängen avancierte Weitzel am 29. August 1862 schließlich vom First Lieutenant der Engineers zum Brigadier General, United States Volunteers (USV), und machte dergestalt einen spektakulären Satz auf der Karriereleiter.[3] Als Kommandeur einer Infanterie-Brigade rechtfertigte Weitzel das in ihn gesetzte Vertrauen in den Gefechten von Labadieville und Thibodeaux, Louisiana, im Oktober 1862 – Butler wurde im Dezember seines Postens enthoben - und den Treffen bei Irish Bend und Fort Bisland am 13./14. April 1863.

Generalmajor Benjamin Butler mit einigen Offizieren im Spätsommer 1864 . Direkt neben ihm sitzt Brigadegeneral Gottfried Weitzel. (mit einem X gekennzeichnet)

 In den aufreibenden Operationen zur Einnahme der Mississippi-Feste Port Hudson, Louisiana, im Frühjahr und Sommer 1863, die von Major General Nathaniel P. Banks geleitet wurden - einem weiteren „politischen General“ von der Kragenweite eines Butler -, befehligte Weitzel eine provisorische Division und partizipierte an den fruchtlosen Sturmangriffen (27. Mai und 14. Juni) auf die belagerte Stadt.[4] Auch hatte er Anteil an General Banks’  fehlgeschlagenem Versuch, im September 1863 bei Sabine Pass auf texanischem Boden Fuß zu fassen.

 Auf Ersuchen General Butlers, der im Osten das Kommando über das Department of Virginia and North Carolina übernommen hatte, wurde Weitzel im April 1864 erneut dessen Befehlsbereich unterstellt und zum Kommandeur der 2. Division im 18. Korps der Army of the James ernannt, eine Einheit, die er in der missglückten Bermuda Hundred Kampagne (7. bis 20. Mai 1864) anführte. Anschließend war er als Chief-Engineer für die Konstruktion und den Ausbau der Defensivfortifikationen bei Bermuda Hundred, Virginia, verantwortlich. Seit Juli bekleidete er gleichzeitig die Stabsposition eines Acting Chief-of-Staff. Wegen Krankheit vorübergehend beurlaubt - er hatte einen Sonnenstich erlitten -  erhielt Weitzel am 26. August seine Ernennung zum Brevet Major General USV.[5]

 Nachdem Major General E. O. C. Ord beim Angriff auf Fort Harrison, einer Schlüsselstellung in den Verteidigungsanlagen von Petersburg, Virginia, verwundet worden war, wurde Weitzel von Butler am 1. Oktober 1864 zum Interimsbefehlshaber des 18. Korps eingesetzt. An dessen Spitze stand er am 27. Oktober in einem taktischen Ablenkungsmanöver, als General Butler seine beiden Korps entlang der ganzen Linie nach vorne warf, um Major General George G. Meades intendierte Flankenumgehung an der Southside Railroad massiv zu unterstützen. Weitzel war mit dem Terrain nicht vertraut und tappte prompt in eine Falle, die ihm die Konföderierten gestellt hatten. Seine frontal angreifenden Abteilungen erlitten empfindliche Verluste.

 Ungeachtet dessen wurde dem erst Neunundzwanzigjährigen mit Rang vom 17. November der Charakter eines Full Major General USV verliehen. Es sollte noch besser kommen. Obwohl Weitzel seine Eignung für den Posten selbst in Zweifel zog, erhob ihn General Butler - mit Zustimmung des Kriegsministeriums - am 3. Dezember 1864 zum permanenten Befehlshaber des neu geschaffenen 25. Korps, einem drei Divisionen starken Verband, dessen Mannschaften sich exklusiv aus Schwarzen zusammensetzten.

Generalmajor Gottfried Weitzel inmitten seiner Stabsoffiziere im April 1865 in Richmond. Gottfried Weitzel steht links auf der Treppe, die Stiefel über Kreuz.

 Auf Weisung von Generalissimus U. S. Grant wurde Weitzel zum Befehlshaber der Landtruppen in einer mit der Marine kombinierten Küstenoperation ernannt, deren Ziel es war, das der Hafeneinfahrt von Wilmington, North Carolina, vorgelagerte Fort Fisher zu erstürmen. Das Unternehmen (7. bis 27. Dezember 1864) scheiterte depremierenderweise an mangelhafter Kooperation, der Ineffizienz der Navy und der verderblichen Intervention General Butlers. Weitzel selber gab keine besonders glückliche Figur dabei ab. Aber ohne dass seine Reputation Schaden genommen hätte, kehrte er nach Virginia zurück; sein treuer Förderer Butler musste den Hut nehmen.

 Im Februar 1865 wurde Weitzel Kommandeur aller Unionstruppen nördlich des Appomattox River. Nach dem Fall von Petersburg rückten seine Truppen am 3. April, ohne auf Widerstand zu treffen, als erste in die konföderierte Hauptstadt Richmond ein. „Wir sind um acht Uhr heute Morgen in Richmond einmarschiert“, lautete Weitzels emotionsloses Telegramm.[6] Im Mai wurde das 25. Korps an den Rio Grande River nach Süd-Texas verlegt, um den französischen Drohgebärden zu begegnen. Weitzels Ausmusterung aus dem Freiwilligendienst erfolgte zum 1. März 1866.  Am 8. August wurde er zum Major im Corps-of-Engineers befördert. Dank seines Prestiges und seiner Jugend hatte er die besten Aussichten, zum Chef seines Korps im Generalsrang aufzusteigen.[7]

 Der kometenhafte Aufstieg des gebürtigen Rheinpfälzers ist eine der bemerkenswertesten, aber von der Historiographie meistvernachlässigten Erfolgsgeschichten des amerikanischen Bürgerkrieges. Perfekt akkulturiert und in der amerikanischen Militärtradition erzogen, hatte sich Gottfried Weitzel als ein exzellenter Ingenieur sowie „kompetenter, findiger und taktisch geschickter Truppenbefehlshaber“[8] im Felde erwiesen. Trotzdem kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass er, festgeklammert an die Zipfel von Ben Butlers Uniformrock, vielleicht zu schnell zu hoch aufgestiegen ist, so dass er die in ihn gesetzten Erwartungen nicht immer erfüllen konnte (wie vor Petersburg oder Wilmington). Die enge, ungewöhnliche persönliche und professionelle Verbindung zu dem unter West Pointern übel beleumundeten Butler hat seiner Laufbahn erstaunlicherweise nicht geschadet.

 In den Jahren nach dem Bürgerkrieg zeichnete Weitzel für die Planung und Umsetzung zahlreicher bedeutender Ingenieurprojekte verantwortlich. So baute er einen Schiffskanal an den Fällen des Ohio River, die Schleuse von Sault Sainte Marie und den Leuchtturm von Stannard’s Rock im Lake Superior. Ferner übersetzte er mehrere Abhandlungen über Kanalbau und hydraulische Ingenieurskunst vom Deutschen ins Englische. Ab 1882 ging es mit seiner Gesundheit spürbar bergab, so dass er nach Philadelphia, Pennsylvania, versetzt wurde, wo er ausschließlich Bürodienst verrichtete. Am 23. Juni 1882 rückte Weitzel zum Lieutenant Colonel auf. Es war sein letztes Hurra. 

Die Aufnahme entstand im März 1863 und zeigt Offiziere des neu gebildeten Department of the Gulf. Dritter von links (sitzend): Brigadegeneral Gottfried Weitzel

 Leicht anfällig für grippale Infekte, litt er unter einem chronisch werdenden nasalen wie bronchialen Katarrh. Im Januar 1884 erkrankte er an Gelbsucht, einhergehend mit Appetitlosigkeit, Verdauungsproblemen und großer Mattigkeit. Die Gelbsucht verschlimmerte sich. Langsam sank Weitzel in einen typhusähnlichen Fieberzustand und starb nach zwei Wochen Bettruhe am 19. März 1884 in Philadelphia im Alter von nur 48 Jahren.[9] Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde Brevet Major General Gottfried Weitzel, der stets einfach und bescheiden in Erscheinung getreten war, in seiner Heimatstadt Cincinnati mit allen militärischen Ehren auf dem Spring Grove Cemetery beigesetzt.

 Weitzel war zweimal verheiratet. 1859 ehelichte er Louisa Moor, die Tochter eines deutschen Emigranten, August Moor, der im Bürgerkrieg zum Brevet Brigadier General USV avancierte. Louisa Weitzel starb nur wenige Monate später an den Folgen schwerer Verbrennungen. 1865 heiratete Weitzel Louise Bogen, Spross einer prominenten deutschstämmigen Familie aus Cincinnati. Die beiden hatten drei Kinder, von denen nur eins das Erwachsenenalter erreichte.

  


[1] Freundliche Mitteilung des Standesamt Pirmasens. In der amerikanischen Sekundärliteratur

  wird i. d. R. behauptet, Weitzel sei in Cincinnati, Ohio, geboren worden.

[2] Solange in der/m  jeweiligen Waffeneinheit/Stabskorps keine reguläre Planstelle vakant war,  

  wurde ein Jungoffizier als Brevet Second Lieutenant in Dienst gestellt. Es folgten 

  Beförderungen zum Full 2nd Lt, 27. Juli 1856; 1st Lt., 1. Juli 1860; Capt. 3. März 1863.

[3] GW war zum Zeitpunkt seiner Ernennung der jüngste Generaloffizier im Unionsheer. Er fungierte als Bürgermeister von New Orleans, 14. Juli bis 5. August, 21. August bis 30. September 1862.Vom

  22. Sept. 1862 bis 3. Jan. 1863 kommandierte er „Weitzels Reserve-Brigade“. Diese wurde

  dann als 2. Brigade der 1. Division, 19. Korps (Army of the Gulf) einverleibt.

[4] GW befehligte die 1. Division, 19. Korps (Army of the Gulf): 15. bis 28. Juli, 1. Sept. bis 13. Dez. 1863.

[5] Das Brevet  war eine Bestallungsurkunde für Offiziere, denen als dauerhafte Auszeichnung

  dem Titel nach ein höherer Dienstgrad - über dem der durch reguläre Beförderung erreicht

  wird (Full rank) - verliehen wurde. Auf Weisung des Präsidenten konnte der Inhaber eines

  Brevet rank in eine äquivalente Dienststellung, optional mit oder ohne entsprechende

  Emolumente eingesetzt werden. Nur in diesem Fall hatte das Brevet-Patent die Kompetenz

  eines ordentlichen Soldranges (d. h. Full rank). Ansonsten war ein Brevet rank ohne

  praktische Auswirkungen in Fragen der Dienststellung und Anciennität. Im Bürgerkrieg

  wurde das Brevet-System 1863 auch im Freiwilligendienst (Volunteer Service) eingeführt.

  Auf die Option einer damit korrespondierenden Besoldung wurde allerdings verzichtet.

[6] Zit. n. Steven E. Woodworth. "Godfrey Weitzel"; http://www.anb.org/articles/05/05-

  00824.html, American National Biography Online, Feb. 2000

[7] Für seine Dienste im Bürgerkrieg wurde GW mit fünf Brevet-Beförderungen in der regulären 

  Armee ausgezeichnet (Dienstgrad, Datum des Patents, ggf. Einsatz bei/in): Major, 27. Okt. 

  1862 (Thibodeaux, LA); Lt. Col., 8. Juli 1863 (Port Hudson, LA); Col.,  29. Sept. 1864 (Fort 

  Harrison, VA); Brig. Gen., 13. März 1865; Maj. Gen., 13. März 1865.

[8] R. J. Sommers, Richmond Redeemed: The Siege at Petersburg (New York 1981), S. 123

[9] Unmittelbare Todesursache war ein Blutstau in der Leber.

 

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