Ausgewählte Biografien

 

Stefan Papp jr.

 

Brevet Major General August Willich (1810-1878) 

August Willich als Brigadier General

Geboren wurde Johann August Ernst von Willich am 19. November 1810 in der ostpreußischen Kleinstadt Braunsberg (heute Gorzyn, Russland) als Sohn der Eheleute Johann Georg von Willich, ehemals Rittmeister in preußischen Diensten, Landrat und jüngst Bürgermeister von Braunsberg, und Fredericka Lisette, geborene Michalowska.[1]

Willich genoss eine gründliche formalmilitärische Ausbildung. En suite besuchte er die Kadettenanstalten von Potsdam und Berlin. 1828 legte er sein Examen ab und wurde zum Sekondeleutnant der Artillerie ernannt. Nach Absolvierung der Vereinigten Artillerie- und Ingenieur-Schule zu Berlin avancierte er am 12. Mai 1839 zum Premierleutnant. In Wesel am Niederrhein stationiert, kam der junge Subalternoffizier  mit den Lehren Karl Marx’ und anderer politischer Aufklärer in Berührung. Willich wandelte sich zum Kommunisten und Freidenker. 1847 demissionierte er, legte seinen Adelstitel ab und begann zum Entsetzen seiner Offizierskameraden eine Lehre als Zimmermann.

August Willich ist eine jener Zelebritäten der demokratischen Revolution 1848/49, die trotz ihrer herausragenden Rolle von der modernen Geschichtsschreibung stiefmütterlich behandelt wurden und werden: Er war taktischer Führer des legendären Freischarenzuges unter Friedrich Hecker in Baden (März/April 1848). Im Elsass formierte und drillte er nach dessen Scheitern eine „Arbeiterlegion“, die an der sogenannten Reichsverfassungskampagne in der Pfalz und Baden (Mai bis Juli 1849) partizipierte und die Retirade der geschlagenen Republikaner auf Schweizer Territorium deckte.

Willich ging nach London ins Exil, fest entschlossen, den Kampf gegen die Reaktion fortzusetzen. Ungeachtet ideologischer Differenzen fand er Anschluss an den kommunistischen Bund um Marx und Engels. 1850 kam es zum Zerwürfnis. Willich gründete mit anderen Gesinnungsgenossen einen kommunistischen Sonderbund. Marx und seine Anhänger zettelten eine Verleumdungskampagne gegen Willich an und streuten alternierend das Gerücht, Willich sei homosexuell und ein Ehebrecher. Beide Unterstellungen sind indes nicht substanzilisierbar.

1853 wanderte Willich in die Vereinigten Staaten aus und arbeitete als Zimmermann in der Marinewerft von Brooklyn. Dann fand er eine Anstellung bei der US-Regierung im Küsten- und Landvermessungsdienst. Ab 1858  war er Herausgeber des in Cincinnati, Ohio, erscheinenden Radikalenblatts „Republikaner“. Leidenschaftlich  setzte er sich für die Belange der Arbeiterklasse ein und trat als Redner und Agitator dort in Erscheinung, wo Turnvereine gegründet und Gewerkschaften organisiert wurden. Willich verurteilte aufs schärfste die rücksichtslose Indianerpolitik und war ein erklärter Gegner der Sklaverei. Als der Bürgerkrieg 1861 ausbrach, legte er die Feder nieder und streifte erneut den Waffenrock über, um für Freiheit, Einheit und die Menschenrechte auf dem Schlachtfeld zu kämpfen. 

Willich verpflichtete sich zunächst als einfacher Soldat. Am 8. Mai 1861 wurde er zum First Lieutenant der 9th Ohio Volunteer Infantry ernannt, einem aus Deutschstämmigen bestehenden Regiment, das Willich in seiner neuen Dienststellung als Major (vom 9. Juni) nach preußischem Vorbild „in tadellosem Hochdeutsch“ drillte. Gouverneur Oliver P. Morton, der große Stücke auf den gebürtigen Ostpreußen hielt, bestallte Willich mit Patent vom 24. August 1861 zum befehlshabenden Colonel der 32nd Indiana Volunteer Infantry, einer weiteren deutschen Einheit, die sich wie „die Neuner“ aus Mitgliedern der Arbeiter- und Turnvereine zusammenfügte. Auch dieser neuen Truppe drückte der leicht verschrobene, graumelierte Rotbart seinen eigenen individuellen Stempel auf.

             

    Oliver P. Morton                                      Maj. Gen. Lewis Wallace

Seine Feuertaufe erlebte das Regiment als Teil der 6. Brigade (Brig. Gen. R. W. Johnson) der 2. Division (Brig. Gen. A. M. McCook) der Army of the Ohio (Maj. Gen. D. C. Buell) am 17. Dezember 1861 bei Rowlett’s Station, Kentucky, am Green River, als es in Aufsehen erregender Manier eine mehrfache Übermacht der Konföderierten in die Flucht schlug.[2] Am zweiten Tag der Schlacht von Shiloh, Tennesse (6./7. April 1862), gerieten seine Kompanien wegen heftigen Flankenfeuers in Konfusion. Willich bewahrte kaltes Blut, ritt vor die Front und begann, im Kampfgetümmel - mit dem Rücken zum Feind - das Taktikreglement durchzuexerzieren, bis die Ordnung wiederhergestellt war, um anschließend einen erfolgreichen Bayonetteangriff zu führen.[3] Willichs eingereichte Nomination zum Brigadier General, United States Volunteers (USV), wurde am 17. Juli 1862 vom Senat mit Rang vom selbigen Datum bestätigt.[4] Am 10. August löste er Colonel William H. Gibson, 49th Ohio, im Kommando der Brigade ab, die am 5. November 1862 in 1. Brigade, 2. Division (Brig. Gen. R. W. Johnson), Right Wing (Maj. Gen. A. M. McCook), Army of the Cumberland (Maj. Gen. W. S. Rosecrans), umbenannt wurde.

 Am Silvestermorgen 1862 wurden die Yankees am Stones River nördlich von Murfreesboro, Tennessee, von den Konföderierten überrascht. Johnsons Division, die auf der äußersten Rechten postiert war, fiel der Wucht des Angriffs als erstes zum Opfer. General Willich stellte sich dem Feind zwar entgegen, doch der Kollaps der benachbarten Brigade, deren kopflos ritirienden Regimenter das Schussfeld verdeckten und zudem die Reihen der Willichschen Brigade durcheinander wirbelten, verhinderte eine effektivere Verteidigung. Die 1. Brigade musste schließlich weichen, der General geriet beim Versuch, seine Männer zu sammeln, leicht verwundet in Gefangenschaft. Willich saß im Libby Prison, Richmond, ein, bevor er am 7. Mai 1863 ausgetauscht wurde. Am 27. Mai trat er wieder an die Spitze seiner Brigade im zwischenzeitlich neu gebildeten 20. Korps.

Am 19. und 20. September 1863 erlitt Rosecrans am Chickamauga Creek, Georgia, eine schwere taktische Niederlage. Zweidrittel seiner Truppen wurden vom Schlachtfeld getrieben und in Chattanooga, Tennessee, eingeschlossen. Einziger Lichtblick war die hartnäckige Verteidigung des Snodgrass Hill und der Horseshoe Ridge, zweier topographischer Landmarken, durch den „Fels von Chickamauga“, Major General George H. Thomas. Auch Willichs Brigade gehörte zu den wackeren Verbänden, die, unter Thomas’ Kontrolle, die wiederholten Attacken der Konföderierten abwehrten und somit die Unionsarmee vor der totalen Vernichtung bewahrten. Divisionär Johnson schrieb: Willich “war stets an der richtigen Stelle und erwies durch seinen persönlichen Wagemut dem Land einen großen Dienst. Dieser tapfere alte Veteran hat Beförderung verdient, und ich hoffe, sie wird ihm zuteil.”[5]

Unter dem frisch berufenen Oberbefehlshaber West, Major General Ulysses S. Grant, ergriffen die Nordstaatler am 24. November 1863 die taktische Offensive. Die Konföderierten wurden von Orchard Knob und dem Lookout Mountain vertrieben. Der Vorstoß auf dem Nordflügel lief sich fest, der Ausgang auf der rechten Flanke hing in der Schwebe; den Durchbruch brachte letztlich ein breit angelegter Sturmangriff der Army of the Cumberland im Zentrum am Missionary Ridge, einen das Terrain beherrschenden Höhenzug. Willichs Mannen stürmten los, erklommen den steilen Hang und zählten mit zu den Ersten, die den Scheitelpunkt des Kamms erreichten und die demoralisierten Südstaatler zum Rückzug zwangen, nachdem diese in Flanke und Rücken gefasst worden waren. Willich erbeutete nach eigenen Angaben fünf Geschütze, acht Munitionswagen, 1.200 Gewehre, zwei Fahnen und machte zwischen 300 bis 400 Gefangene.

Willich im Felde - zeitgenössische Lithographie

August Willichs Laufbahn als Feldkommandeur erfuhr ein jähes Ende, als er in der Anfangsphase der Atlanta-Kampagne am 15. Mai 1864 in der Schlacht von Resaca, Georgia, so schwer am Arm verwundet wurde[6],dass ihm in der Konsequenz das mögliche und zustehende Avancement zum permanenten Divisionskommdeur verwehrt blieb.[7] Nach seiner partiellen Wiederherstellung wurde er als felddienstuntauglich eingestuft und am 9. August 1864 ins Northern Department versetzt. Dort ernannte man ihn zum Kommandanten von Cincinnati, Ohio. Am 1. Juni 1865 übernahm er in Nashville, Tennessee, erneut den Befehl über seine alte Brigade. Da war der Krieg aber schon vorüber. Als Honneurs für „verdienstvolle Einsätze“ verlieh ihm die Johnson-Administration das Brevet eines Major General USV, wirksam vom 21. Oktober 1865.[8] Zum 15. Januar 1866 wurde er ehrenvoll aus der Armee verabschiedet.

  „Papa“ Willich in Zivil

An seiner Gefechtsbilanz gemessen war  August Willich neben dem Rheinländer Peter Osterhaus der zweifelsohne Bemerkenswerteste unter den  deutschen Exilantengenerälen[9] - kaltblütig, umsichtig, zupackend und von großem persönlichen Mut. Obgleich er ein strenger Zuchtmeister  war, behandelte er seine Soldaten „wie Menschen, nicht wie Hunde“[10] Stets ging er mit gutem Beispiel voran und verlangte seinen Truppen nichts ab, wozu er nicht selber bereit gewesen wäre. Nach Dienstschluss entwickelte  er die Angewohnheit, seinen Männern, die er nach Vorbild der französischen Revolutionäre mit „Bürger“ ansprach, Vorträge über Sozialismus zu halten. Der „rote Republikaner“ mit der hohen Stirn und dem Rauschebart genoss ein hohe Popularität bei seinen Untergebenen, die ihn ob seiner nimmer müde werdenden Fürsorge zärtlich „Papa“ Willich nannten.

Auf Initiierung seiner politischen Freunde wurde Willich 1866 zum Rechnungsprüfer von Hamilton County, Ohio, gewählt. 1870 reiste er nach Deutschland und soll dem preußischen König - eine Ironie der Geschichte - vergeblich seine Dienste im Krieg gegen Frankreich angeboten haben. Statt ins Feld zu ziehen, studierte er eine Zeitlang an der Universität von Berlin. Politisch blieb Willich aktiv. Er stritt weiter für die Rechte der Arbeiter und trat als engagierter Redner an Festen und Feiertagen auf. Nach St. Marys, Ohio, umgesiedelt, war er ein umtriebiger Förderer des kulturellen Lebens. Als er am 22. Januar 1878 unverhofft einem Schlaganfall erlag, ehrten ihn die Menschen mit einem aufwändigen, militärisch geprägten Begräbnis auf dem Elm Grove Cemetery.

Der lebenslange Hagestolz liebte die Gesellschaft von Kindern. Einen Gutteil seiner bescheidenen Versehrtenrente soll er für den Kauf von Süßigkeiten ausgegeben haben. „Alle amerikanischen Kinder sind auch meine Kinder“, sagte er einmal.[11] Nach seinem Tod fand man einen Koffer vollgestopft mit Naschwerk, das bei seiner Beisetzung unter die Kinder verteilt wurde.

 


[1] Nach dem Tod des Vaters 1814 kam AW in die Obhut des Berliner Theologen und Philosophen Friedrich Schleiermacher, der die Witwe eines Onkel väterlicherseits geheiratet hatte. Zur Mutter wird AW ein gespanntes    Verhältnis nachgesagt.

[2] Lieutenant Colonel K. F. Heinrich von Trebra, ehemals preußischer Offizier, führte das Regiment in Willichs Abwesenheit und wurde für seinen Erfolg panegyrisch erhöht. Nach dem Tod v. Trebras im August 1863 übernahm Lt. Col. Franz Erdelmeyer das Kommando.

[3] Major General Lewis Wallace nannte AWs Vorgehen die “verwegenste Aktion dieses ganzen Krieges.“ In  seinem offiziellen Rapport  sprach er Willich und seinem „ berühmten Regiment“ seinen  besonderen Dank aus. Official Records, I, Vol. 10/1: S. 172. 

[4] Gouverneur Morton und der in Amerika prominent gewordene Achtundvierziger Carl Schurz, der ebenfalls  Generalssterne ergatterte, hatten sich u. a. für AWs Beförderung eingesetzt.

[5] Official Records, I, Vol. 30/1: S. 535. Kein Brigadier in der Army of the Cumberland wurde nach Chickamauga befördert. Im Gegenteil. Zwei Korpskommandeure und zwei Divisionäre mussten gehen. Am 10. Okt. 1863 wurde die Armee reorganisiert. AWs Regimenter bildeten ab jetzt die 1. Brigade, 3. Division (Brig. Gen. T. J. Wood), 4. Korps (Maj. Gen. G. Granger). Rosecrans wurde am 19. Okt. entlassen, Thomas sein Nachfolger.

[6] Die Kugel durchschlug seinen rechten Arm etwa 12,5 cm unterhalb des Oberarmbeins, passierte innerlich den Knochen und trat am unteren Teil des Schulterblattes wieder aus, was eine nachhaltige Schädigung der Nerven zur Folge hatte. 1867 setzte Atrophie ein, so dass es AW immer schwerer fiel nach Dingen zu greifen oder diese festzuhalten.

[7] AW befehligte vom 8. Jan. bis 12. Febr. 1864 interimistisch die 3. Division, 4. Korps.

[8] Das Brevet  war eine Bestallungsurkunde für Offiziere, denen als dauerhafte Auszeichnung  dem Titel nach ein höherer Dienstgrad - über dem der durch reguläre Beförderung erreicht wird (Full rank) - verliehen wurde. Auf Weisung des Präsidenten konnte der Inhaber eines  Brevet rank in eine äquivalente Dienststellung, optional mit oder ohne entsprechende Emolumente eingesetzt werden. Nur in diesem Fall hatte das Brevet-Patent die Kompetenz  eines ordentlichen Soldranges (d. h. Full rank). Ansonsten war ein Brevet rank ohne  praktische Auswirkungen in Fragen der Dienststellung und Anciennität. Im Bürgerkrieg  wurde das Brevet-System 1863 auch im Freiwilligendienst (Volunteer Service) eingeführt. Auf die Option einer damit korrespondierenden Besoldung wurde allerdings verzichtet.

[9] Selbst Marx und Engels zeugten ihrem alten Widersacher Respekt. Engels erklärte öffentlich, AW habe „den amerikanischen Bürgerkrieg mit Auszeichnung“ bestanden. Zit. n. Rolf Dlubek, „August Willich (1810-1878). Vom preußischen Offizier zum Streiter für die Arbeiteremanzipation auf zwei Kontinenten“, in: Helmut Bleiber (ed.), et al, Akteure eines Umbruchs: Männer und Frauen der Revolution 1848/49 (Berlin 2003): S 979.

[10] Zit. n. Loyd D. Easton, “August Willich” http://www.anb.org/articles/20/20-01723.html; American National Biography Online Feb 2000. 

[11] Zit. n. ibid.

 

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