PRIMUS INTER PARES -  Erster seiner Klasse

Der Hall – North Karabiner in der amerikanischen Armee

 

Während die berittenen Truppen in Europa mit Steinschloss – oder Perkussionsvorderladern bewaffnet in die Konflikte ihrer Zeit vorrückten, wurden die Dragoner in Amerika erstmals mit Hinterladerkarabinern ausgerüstet. Seiner Zeit weit voraus, etablierte sich der Hall – North Karabiner bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts in den Händen der neu gegründeten berittenen Truppe der jungen amerikanischen Nation. Keine Dreißig Jahre später hatte der einstige Primus den Anschluss verpasst und verkümmerte zum alten Eisen. Heute sind Hall – North Karabiner gesuchte Sammlerwaffen, für die durchaus bis zu $ 8000,00 gezahlt werden.

Die Anfänge

 

Bereits seit dem frühen 16. Jahrhundert wurden Versuche durchgeführt, Schusswaffen mittels Klappen und Verschlussblöcken von hinten zu laden. Die Ursachen für diese Neuerungen lagen in dem Bestreben begründet, den Ladevorgang und damit die Effizienz der Waffe zu erhöhen. Besondere Beliebtheit unter den Konstrukteuren erfreute sich dabei der Kammerblockverschluss mit Vertikalbewegung. Nahezu 100 Jahre wurde an diesem System getüftelt. Die Ergebnisse waren jedoch ernüchternd und im strapaziösen Feldgebrauch nicht zufrieden stellend. In den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts führten Teile der österreichischen Armee Steinschlosshinterlader mit Kammerklappverschluss. Die Konstruktion ging auf die Erfindung des Mailänder Schlossers Giuseppe Crespi zurück. Mittels komplizierter Verriegelung konnte der Schütze eine etwa 15 cm lange zylindrische Hülse um 80 Grad nach oben klappen und eine Papierpatrone einführen. Anschließend wurde die Kammer, welche in der Hülse saß, nach unten gedrückt und im Verriegelungssystem arretiert. Der Schütze schüttete danach noch etwas Pulver auf die Pfanne. Die Waffe war nun feuerbereit. Fast neun Jahre bildeten die Gewehre und Karabiner von Crespi die Bewaffnung für Teile der österreichischen Armee. Das eigentliche Problem der Konstruktion lag allerdings in der mangelhaften Gasabdichtung. Die ausströmenden Pulvergase am Übergang der Kammer zum Lauf sorgten nicht nur für schlechte Schussergebnisse, sondern beeinträchtigten und gefährdeten den Schützen im Umgang mit seiner Waffe. 1779 endete die Produktion der Hinterlader nach Crespi und die österreichische Armee kehrte wieder zu den altbewährten Vorderladern zurück. 32 Jahre später entwickelte ein junger Schiffskonstrukteur und Mitglied einer Milizeinheit im fernen Amerika ein Hinterladersystem, das trotz wesentlicher Unterschiede eine gewisse Ähnlichkeit mit den Waffen von Giuseppe Crespi aufwies. Am 21. Mai 1811 ließ sich John Hancock Hall (gemeinsam mit dem Angestellten Dr. William Thornton) sein Kammerverschlusssystem patentieren, welches als Neuerung nun Steinschlossbatterie und Abzug im Verschlussblock integrierte. Allerdings sollte es 6 Jahre dauern, bis Hall den ersten Auftrag zur Fertigung von 100 Gewehren von der Regierung erhielt. Dies war das Startsignal für die industrialisierte Fertigung neuer Hinterladersysteme in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Der Weg nach oben

Nach viel versprechenden Testreihen konnte Hall im März 1819 einen Vertrag über die Herstellungsrechte mit der Regierung unterzeichnen. Dabei wurden er und seine Familie finanziell großzügig bedacht, so dass John H. Hall die Entscheidung leicht fiel. Von nun an begann die Produktion der Hall - Gewehre in der staatlichen Waffenschmiede Harpers Ferry, Virginia. Hall ließ hier bis 1841 19.870 Musketen fertigen, die mehrfach modifiziert wurden. Erstmals fertigten die Arbeiter an Maschinen, die durch die hohe Präzision den Austausch der Einzelteile zwischen allen  Modellen ermöglichte. Die am meist produzierte Variante, das Modell 1819, verfügte über einen mit 16 Zügen versehenen Lauf im Kaliber .52. Die Waffe maß 1,33 m und wog etwa 4,5 kg. Im Jahre 1826 fanden in der Nähe von Fort Monroe umfangreiche Schießtests statt. Die Kontrahenten, das Hall - Gewehr und die Vorderladermuskete Modell 1803, durchliefen innerhalb von 5 Monaten einen Gewaltmarathon. Militärangestellte beschossen die Waffen auch unter schwierigen Situationen, um die Belastbarkeit der Technik bestimmen zu können. Ein Modell von Hall befanden die Gutachter selbst nach 8.710 starken Ladungen als absolut unbeschädigt und einsatzbereit. Das ungewöhnliche Hinterladegewehr mit Kammerverschluss hatte sich durchgesetzt. Im April 1832 gerieten die ersten Hall - Gewehre in die Hände von US – Infanteristen, wo sie sogleich im Feldzug gegen Sauk – und Foxindianern unter Black Hawk erfolgreich eingesetzt wurden. Drei Jahre später führten die Soldaten der 6. US – Infanterie Hall - Gewehre, um damit gegen die Seminolen in Florida vorzugehen. Auch hier zeigte sich der Vorteil der Hinterlader gegenüber den glattläufigen Vorderladern.

Der Hall - North Karabiner Modell 43 in der Gesamtansicht.

Die ersten Karabiner

Die Bildung des ersten Dragonerregimentes 1833 verlangte nach einer modernen und zeitgemäßen Bewaffnung, um die Ansprüche, welche an die mobile Truppe gestellt wurden, erfüllen zu können. Mittlerweile teilte sich John H. Hall die Produktion mit Simon North, der seit 1830 Hall - Gewehre in Middletown, Connecticut, fertigen ließ. North hatte bereits seit 1799 Erfahrung im Waffenbau. Bis 1825 produzierte er für die US – Armee rund 50.000 Pistolen nach französischem Vorbild. North erkannte die einmalige Gelegenheit, in das Geschäft zur Herstellung von Gewehren mit Hinterladersystem einsteigen zu können und er nutzte sie. Er war es auch, der die Entwicklung eines führigen Karabiners, System Hall mit Perkussionszündung, vorantrieb. Die erste Lieferung von so genannten Hall - North Karabinern sollte im Sommer 1833 erfolgen. Tatsächlich gelangten die ersten Modelle aber erst im März des darauf folgenden Jahres in die Hände der Dragoner. Zum ersten Mal in der Militärgeschichte waren damit reguläre Truppen mit Perkussionshinterladern bewaffnet. Diese Karabiner besaßen eine dunkle Nußbaumvollschäftung, welche im Verschlussbereich beidseitig konvex aufgeweitet wurde. Der glatte Lauf mit einem Kaliber von .587, war 66,5 cm lang und endete im Übergang zum Verschluss ebenfalls in einer „Verdickung“, welche sich in der Vollschäftung einfügte. Durch einen nach unten gerichteten Dorn am Kammerverschlussblock konnte die Waffe geladen werden. Nachdem der Dorn die Verriegelung freigab, schwang sich der Verschlussblock um etwa 20 Grad nach oben. Das Kaliber der Kammer schwankte je nach Karabinervariante zwischen .615 und .628. Hierdurch sollte das Laden mit einer Papierpatrone erleichtert werden. Zwei eiserne Laufbänder fixierten den Lauf am Karabinerschaft. Eine Reiterstange zur Befestigung des Karabinerhakens war nicht vorgesehen. Hierzu diente ein ungewöhnlich großer Eisenring unterhalb des Kolbens. Ein interessanter, fest integrierter Bestandteil des Karabiners, war ein 50 cm langes Dreikantstichbajonett, welches in einer Sperrklinke unterhalb der Mündung beim Herausziehen einrastete. Gleichzeitig diente das Bajonett als Reinigungsstab, indem am hinteren Teil die entsprechenden Werkzeuge im Gewinde eingeschraubt werden konnten. Der Nutzen dieses Stichbajonetts blieb jedoch stets umstritten, so dass ab 1840 ein Ladestock aus Eisen das Bajonett ersetzte. Simon North produzierte insgesamt 7163 Stück seines Modells 1833 in drei unterschiedlichen Varianten. Kurze Zeit später begann die Produktion in Harpers Ferry, wo bis 1840 2020 Karabiner mit der Bezeichnung Modell 1836 (Varianten I und II) hergestellt wurden. Der Hall - Karabiner war mit einer Gesamtlänge von 109 cm gut 5,5 cm kürzer als sein Pendant aus Middletown. Auch im Kaliber unterschieden sich beide Waffen: Der Hall Karabiner besaß ein Laufkaliber von .646 und maß damit gut 2,3 mm mehr im Durchmesser als im Hall - North Karabiner. Die ersten Hall - Karabiner gelangten jedoch erst im Jahre 1837 in die Hände der Dragoner. Die Karabiner aus beiden Produktionsstätten wurden sowohl im 1. als auch 2. Dragonerregiment der Vereinigten Staaten eingesetzt.

Der Hall - North mit Reitstange nach französischem Vorbild. Gut zu erkennen ist die einfache Visiereinrichtung.

 

Beschwerden führten zu Verbesserungen

Wie unterschiedlich die Qualität der einzelnen Karabiner tatsächlich war, zeigte sich spätestens im tagtäglichen beschwerlichen Einsatz der berittenen Truppe. In einem Brief vom Januar 1837 beschwerte sich Captain Justus A. de’Lagnel bei seinem Chef, Colonel George Bomford. Captain de’Lagnel begutachtete im Auftrag des US – Zeugamts die eingesetzten Karabiner in Florida. Empört schilderte er seinem Vorgesetzten die fast schon lebensgefährlichen Situationen im Umgang mit Karabinern aus der Werkstatt von Simon North. Insbesondere beklagte er die schlechte Qualität des Schaftholzes. Unter seiner Aufsicht fand ein Testschießen der Kompanie von Lieutenant Charles A. May statt, als plötzlich acht Karabiner am Schaft zerbrachen. Dabei flogen die Holzsplitter gefährlich unter den Dragonern umher, einige davon bedrohlich nahe am Kopf von Captain de’Lagnel vorüber. Weiterhin bemängelte er die zu hohen Ladungen der mitgelieferten Papierpatronen und den Umstand, dass in Verbindung mit dem zu großem Spalt zwischen Kammer und Lauf gefährliche Pulvergase austraten. Abschließend hob Captain de’Lagnel ausdrücklich hervor, dass solche Qualitätsprobleme an Karabinern aus Harpers Ferry nicht festgestellt wurden. Captain Lloyd J. Beall von den 2. Dragonern äußerte sich keine zwei Monate später noch kritischer gegenüber den Hall – North Karabinern. Auch er war mit seinen Männern in Florida stationiert und lehnte die Karabiner systematisch ab. Er sprach von falscher Munition, gebrochenen Schäften und Federn sowie von der völligen Nutzlosigkeit des Bajonetts. Angesichts dieser unhaltbaren Zustände musste Colonel G. Bomford, Chef des US – Zeugamtes, reagieren. Die Testserien wurden erhöht und einige Verbesserungen an den Karabinern vorgenommen. Unter anderem wurde das Kaliber einheitlich auf .527 verringert und eine verbesserte Justierung für das Bajonett angebracht.

George Bomford (1782 - 1848)

 

Der Hall - North mit geöffnetem Verschluss

 

Die Produktion lief bis 1853

In zahlreichen Versuchen offenbarten sich im Laufe der Zeit die Stärken und Schwächen des Karabiners. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ab 1840 bis zur Einstellung der Produktion im Jahre 1853 insgesamt 5 Veränderungen vorgenommen wurden. Allein in den Werkhallen von Simon North entstanden drei Varianten des Modells 1840 und eine Variante - die letzte - im Jahre 1843. Eine wichtige Neuerung betraf ab der 2. Variante 1840 die Umbildung des Verriegelungshebels. Bis dahin hatte ein Sperrhaken an der Gewehrunterseite nicht nur für Probleme im Handling gesorgt, sondern so manche Verletzung ging auf das Konto des eisernen Dorns. An seiner Stelle wurde nun ein Walflossenähnliches Verriegelungseisen montiert, welches gefahrlos betätigt werden konnte. Aufgrund der eigentümlichen Form erhielt der Verschluss bald darauf die Bezeichnung „fish tail“ – „ Fischflosse“. Bereits 1841 folgte die 3. Variante des North Modells 1840. Der Lauf war auf 53,34 cm geschrumpft und der Karabinerhaken konnte nun direkt an einer Reiterstange an der linken Laufseite befestigt werden. Dies entsprach der damals gängigen Praxis der Kavallerieregimenter weltweit. Mittlerweile glichen sich die Modelle aus beiden Waffenschmieden in fast allen Details. Rein äußerlich waren die North Karabiner der 3. Variante und die Hall - Waffen Modell 1842 tatsächlich nur noch durch die Herstellerprägung auf der Kammeroberseite zu unterscheiden. 1843, zwei Jahre nach dem Tod von John H. Hall, lief die Produktion in Harpers Ferry aus. Simon North, mittlerweile im hohen Alter von 78 Jahren, teilte sich nun die Fertigung der Karabiner mit dem Sohn eines langjährigen Geschäftsfreundes. Am 30. Juli 1844 erhielten North und Edward Savage unter der Nummer 3686 die Patentrechte für einen neuen Verriegelungshebel. Dieser saß jetzt an der rechten Laufseite und öffnete durch Niederdrücken den Kammerblock. Die Waffen wurden als Modell 1843 bezeichnet und in einer Anzahl von 11.000 Stück zu je $ 17,50 an die Regierung verkauft. Die Karabiner von North und Savage kamen in großer Stückzahl während des Amerikanisch – Mexikanischen Krieges 1846 – 48 zum Einsatz. Hier erwiesen sie sich gegenüber den Vorderladerwaffen des Feindes als überlegen. Ab 1848 wurden die Läufe der Karabiner verstärkt und mit der Prägung „STEEL“ gekennzeichnet. Im Februar 1853 verließen die letzten 500 Karabiner die Werkhallen in Middletown, Connecticut. Nur wenige Jahre später interessierte sich das US – Militär für neue Hinterladersysteme und der Hall – North Karabiner verschwand zunächst in den Arsenalen.

Charles Augustus May diente ab 1836 als Leutnant bei den 2. Dragonern. Hier testete er auch den Hall - North Karabiner. May stammte aus einer prominenten Baltimorer Familie und wurde 1818 in Washington D.C. geboren. Während des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges 1846-48 machte er rasch Karriere und stieg bis zum Oberst auf. Charles A. May avancierte später zu einer Art Nationalheld und starb am 24. Dezember 1864.

 

Aus den Arsenalen an die Front

Mit Beginn des Amerikanischen Bürgerkrieges im April 1861 strömten Tausende von Freiwilligen auf beiden Seiten zu den Waffen. In vielen Fällen gab es jedoch noch keine Waffen, die an die Rekruten verteilt werden konnten. In den Arsenalen begann die fieberhafte Suche nach brauchbaren Waffen aller Art. Auf diese Weise erblickten viele Hall - Gewehre und Karabiner wieder das Tageslicht, obwohl die meisten völlig veraltet gewesen sein dürften. Ungeachtet dessen gerieten tausende dieser antiquierten, oft unbrauchbaren Waffen in die Hände der Soldaten. Ein besonders spektakulärer Fall ereignete sich in diesem Zusammenhang im Sommer 1861. US – General John C. Frémont, Befehlshaber des Western Departments, kaufte von einem Geschäftsmann 5000 Hall – North Karabiner Modell 1843. Unter der Bedingung, dass die glatten Läufe auf das Kaliber .58 aufgebohrt und mit sechs Zügen versehen werden sollten, zahlte General Frémont $ 22,00 Dollar pro Stück. In Anbetracht der schwierigen Situation in den ersten Monaten des Krieges war der Vertrag in Höhe von $ 110.000,00 durchaus vertretbar. Störend wirkte nur die Tatsache, dass die Karabiner kurze Zeit zuvor für $ 3,50 das Stück aus dem Arsenal der Regierung in New York an einen privaten Geschäftsmann verkauft worden sind. Der Chef des US Ordonance Departments, Colonel James W. Ripley, hatte richtig erkannt, dass es sich bei den Modellen 1843 um durchweg veraltete Waffen handelte. Ein Verkauf kam ihm gelegen und er zögerte daher nicht. Über Mittelsmänner und Vertragsbürgen schnellte der Preis schließlich auf $ 22,00 pro Stück hoch, als General Frémont im Sommer 1861 die aufgearbeiteten Karabiner für seine Armee wieder einkaufte. Der Skandal war perfekt und beschäftigte die US – Gerichte bis 1866. Der Filz aus Regierungsvertretern, windigen Geschäftsleuten und Militärs konnte allerdings niemals eindeutig entflochten werden, so dass bis zum heutigen Tage zahlreiche, überwiegend widersprüchliche  Darstellungen, die Vorgänge vom Sommer 1861 weiterhin thematisieren. Während also auf Unionsseite die Probleme nach der Beschaffung von Hall – North Karabinern erst richtig begannen, plagten die konföderierte Gegenseite ganz andere Sorgen. Nur wenige Tage nach Beginn des Bürgerkrieges besetzten konföderierte Soldaten das ehemalige US – Arsenal in Fayetteville, North Carolina. Zwischen jeder Menge eingestaubter Vorderladerwaffen, tauchten plötzlich 448 Hall – Steinschlossgewehre auf. Die Hinterladegewehre wurden in Anbetracht der wenigen vorhandenen Waffen kurzerhand auf Karabinergröße gebracht und mit einem Perkussionsschloss versehen. Tatsächlich waren einige tausend Hall – North Gewehre und Karabiner mit Steinschloss- und Perkussionszündung bis Kriegsende 1865 in den Armeen der Südstaaten im Einsatz. Im Norden versuchte man schnellstmöglich, die veralteten Karabiner wieder los zu werden und sie gegen moderne Hinterladerwaffen einzutauschen. Den offiziellen Berichten zufolge, führten einige Unionskavallerieregimenter im September 1863 immerhin noch 1447 Hall – North Karabiner Modell 1843. Bis kurz vor Kriegsende schrumpfte die Anzahl an eingesetzten Karabinern auf 341 Stück. Die Meinung der Offiziere und Soldaten betroffener Einheiten war indes eindeutig: Einer Untersuchung des Kriegsministeriums von 1863 und 1864 zufolge erklärten alle 21 befragten Offiziere, dass es sich bei dem Hall – North um einen durchweg unbrauchbaren Karabiner handelte. Mehr als die Hälfte der Soldaten des 1. Indiana Kavallerieregimentes warfen ihre Hall – North’s weg, nachdem diese in der Schlacht von Helena, Arkansas, am 6. Juli 1863, einfach versagt hatten. Aufgrund des undichten Verschlusses entwich ständig Pulvergas. Die Waffe eignete sich daher, so die Meinung der meisten US – Kavalleristen, besser als Schrotflinte oder zur Eichhörnchenjagd, als für den Militärdienst. Nur Wenige befürworteten den Einsatz der Karabiner Modell 1843. Colonel Edwin C. Catherwood, Befehlshaber der 6. Missouri Staats Miliz, bezeichnete den Karabiner als sehr effektiv im Einsatz der Kavallerie. Er gehörte damit zur Minorität unter den Militärs, die mit ihren Hall – North’s zufrieden waren.

 

Übersicht Produktionszahlen der Hall - und Hall – North Karabiner

 

Fertigungsjahr

Stückzahl in Harpers Ferry

Stückzahl in Middletown

Stückzahl insgesamt

1834

 

1028

1028

1835

 

 

 

1836

 

501

501

1837

1017

1582

2599

1838

 

1920

1920

1839

 

2132

2132

1840

1003

1501

2504

1841

 

2160

2160

1842

 

1840

1840

1843

1001

1000

2001

1844

 

1000

1000

1845

 

1000

1000

1846

 

1500

1500

1847

 

900

900

1848

 

1800

1800

1849

 

1200

1200

1850

 

600

600

1851

 

1000

1000

1852

 

1500

1500

1853

 

500

500

Fertigung insgesamt

3021

24664

27685

 

Fazit:

In den 19 Jahren der Fertigung verließen fast 28.000 Hall – North Karabiner die Werkstätten. Dabei wird klar ersichtlich, dass der überwiegende Teil aus Middletown stammte. Simon North dokumentierte dadurch zweifelsfrei sein starkes Interesse an dem Karabiner. Nicht zuletzt ging die letzte Verbesserung auf sein Patent aus dem Jahre 1844 zurück. Trotz aller Überlegungen und Verbesserungen während der Fertigung, konnten die wesentlichen Probleme nicht gelöst werden. Der interessante Kammerverschluss litt zu jedem Zeitpunkt seiner Anwendung unter der mangelhaften Gasabdichtung. Präzisionsverluste, Zerstörung der Waffe und selbst Verletzungen der Schützen waren die Folge. Lediglich durch die geschickte Ableitung der störenden Pulvergase versuchten die Konstrukteure ihr System zu retten. Es sollte ihnen jedoch nicht gelingen. Sie hatten zu lange an ihrer Idee festgehalten und dabei nicht bemerkt, dass die Entwicklung weiter voran schritt und neue, zukunftweisende Systeme hervorbrachte. Hall und North waren jedoch ein wesentlicher Bestandteil dieser Entwicklung. Das war ihr eigentlicher Verdienst.

 

Geschäftsmänner unter sich

John Hancock Hall und Simon North

 

Viel wissen wir nicht über die beiden Geschäftsleute, die fast 13 Jahre lang zusammen gearbeitet hatten. John Hancock Hall wurde als zweites Kind von Stephen und Mary C. Hall am 21. Januar 1781 im Falmouth District, Maine, geboren. Seine Eltern verstarben früh, so dass John bereits im zarten Alter von dreizehn Jahren neues Familienoberhaupt werden musste. Seine Kindheit mag wohl der vieler anderer Altersgenossen mit ähnlichem Schicksal geglichen haben. 1803 taucht John als freiwilliges Mitglied der Portland Miliz auf, nachdem er die Jahre zuvor im Schiffsbau tätig gewesen war. Diese erste Berührung mit dem Militär prägte ihn den Rest seines Lebens und brachte ihm wohl auch auf die Idee, Steinschlosswaffen mit Hinterladersystem zu bauen. 1811 war es dann soweit. Gemeinsam mit dem Chefbuchhalter im Patentamt, William Thornton, erhielt John das Patent für einen Hinterlader mit Kammerverschlussblock. Nach anfänglichen Hürden lief die Produktion von Hall – Gewehren schließlich erfolgreich an. Zwischenzeitlich, von 1811 bis 1816, fertigte er sogar in kleiner Anzahl Pistolen mit seinem System. In Harpers Ferry sammelte Hall nicht nur Erfahrungen im Bau von Gewehren, sondern er perfektionierte gleichzeitig den Maschineneinsatz für die Fertigung seiner austauschbaren Einzelteile. Bis zu seinem Tod am 26. Februar 1841 in Huntsville, Missouri, fertigten seine Leute gut 20.870 Gewehre und 2020 Karabiner in Harpers Ferry. Nachdem die Nachricht von seinem Tod mit Verspätung die Werkhallen erreicht hatte, ruhten die Arbeiten im März 1841 in Gedenken an John H. Hall für einen Tag.

Im Jahre 1828 kam ein erster Vertrag zwischen der US – Regierung und Simon North über die  Herstellung von 5000 Hall – Gewehren zustande. Fast zwei Jahre später begann die Fertigung in Middletown. Simon North wurde am 13. Juli 1765 in Connecticut geboren. 1781 trat er in die Kontinentalarmee im Kampf gegen England ein, ohne jedoch noch eingesetzt zu werden. Zwischen 1799 und etwa 1825 fertigten er und sein Schwager Elisha Cheney rund 50.000 Steinschlosspistolen für die Regierung. Nach zahlreichen Schwierigkeiten lief die Produktion an und im Mai 1830 waren die ersten Gewehre fertig. North konnte die 200 Hall - Gewehre in seiner Produktionsstätte in Middletown den Inspektoren vorstellen. North setzte seine ganze Energie in die Produktion und Verbesserung der Gewehre und später der Karabiner nach dem System von Hall. Nicht immer klappte dabei die Kommunikation zwischen den beiden Geschäftsleuten einwandfrei. Mehrfach enthielten sich Hall und North wichtige Details zur Fertigung vor und entwickelten einen gewissen Konkurrenzkampf. Nach dem Tod von John H. Hall konzentrierte Simon North sich ausschließlich auf die Weiterentwicklung des Karabiners. 1852 starb Simon North im Alter von 87 Jahren. Kurz darauf, im Februar 1853, verließen die letzten Karabiner die Werkhallen in Middletown. North hatte damit insgesamt 5700 Gewehre und 24.664 Karabiner nach dem System von Hall hergestellt und an die Regierung verkauft.

Das integrierte Stichbajonett ist im Haltesplint eingerastet.

 

Eroberer des Westens

Die US – Dragoons

 

Durch die zunehmende Besiedlung des amerikanischen Westens nahmen die Konflikte mit den Ureinwohnern bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts stark zu. Auslöser für die Westwanderungen zahlreicher Siedler waren die erfolgreichen Expeditionen der amerikanischen Offiziere M. Lewis und W. Clark. Sie hatten zwischen 1804 und 1806 den Kontinent westlich des Missouri im Auftrag der Regierung erkundet. Ihren Schilderungen und dem wachsenden Landhunger der Siedler war es zuzuschreiben, dass schier endlose Trecks in Richtung Westen aufbrachen. Die ansässigen Indianer, unter dem Vorwand der Nichteinhaltung absurder Verträge in Washington den Krieg erklärt, betrachteten die Siedlertrecks als Eindringlinge und bekämpften sie mit allen Mitteln. Überall im Land entstanden Forts als militärische Einrichtungen, um den Siedlerstrom zu schützen. Bald musste man jedoch in Washington erkennen, dass den berittenen, äußerst flexiblen Indianern, mit Infanterie und Artillerie nicht beizukommen war. Am 2. März 1833 erließ der Präsident der Vereinigten Staaten, Andrew Jackson, ein Gesetz zur Neubildung eines Kavallerieregimentes. Die berittene Truppe war nach Beendigung des Unabhängigkeitskrieges und des 2. Krieges gegen England, schließlich im Jahre 1821 aufgelöst worden. Daher handelte es sich um eine Reorganisation des 1. Dragonerregimentes von 1833. Die Einheit bestand aus 800 Reitern. Zum Kommandeur wurde Henry Dodge, ein erfahrener 51 jähriger Indianerkämpfer, ernannt. Nach harten, entbehrungsreichen Monaten während der Ausbildung, marschierten die First Dragoons bereits im November 1833 nach Westen. Von jetzt an wechselten monotoner Drill mit waghalsigen Einsätzen gegen aufrührerische Indianer einander ab und trieben die Kavalleristen an ihre physischen und psychischen Grenzen. Nur drei Jahre später stimmte der Kongress der Vereinigten Staaten der Bildung eines 2. Dragonerregimentes zu. Das Kommando übernahm Colonel David E. Twiggs. Twiggs Kriegsregister war zum damaligen Zeitpunkt tadellos: Dienst im Krieg gegen England 1812, Teilnahme am 1. Seminolenkrieg in Florida ab 1816 sowie am Krieg gegen die Sauk und Fox im Jahre 1832. Danach meldete sich Twiggs sofort im 2. Seminolenkrieg, der im Dezember 1835 ausgebrochen war. Als Befehlshaber der Second Dragoons hatte Twiggs seinen Höhepunkt erreicht. Die beiden Dragonerregimenter genossen jeweils den Status einer Elitetruppe. Sie testeten als erste die Neuentwicklungen der Waffentechnik und wurden stets in den Brennpunkten der Auseinandersetzung zwischen Weißen und Indianern eingesetzt. Ihr Alltag sah allerdings wesentlich nüchterner aus. Schlecht versorgt in der Einsamkeit der Wildnis oft genug sich selbst überlassen, fristeten viele der Freiwilligen ein trostloses Dasein. Nicht selten endete der Dienst im fernen Westen mit Selbstmord. Im Sommer 1834 traf der berühmte amerikanische Maler George Catlin in der Nähe von Fort Gibson auf Teile des 1. Dragonerregimentes. Catlin schwärmte von der vortrefflichen Haltung der Dragoner und war begeistert von der Farbgebung ihrer Pferde, die auf die einzelnen Schwadronen abgestimmt zu sein schien. Jahre später, im Frühjahr 1850, stieß der weit gereiste Forscher Paul Wilhelm von Württemberg im Ödland von Texas auf US – Dragoner. Der Gelehrte, der selbst Militär war, attestierte den Reitern ein schlechtes Zeugnis. Trotz ihrer guten Pferde wirkten die Dragoner in ihren globigen und unpassenden Uniformen unbeholfen und völlig falsch ausgebildet. Dem widersprach jedoch die Tatsache, dass die Dragoner einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Niederringung der mexikanischen Armee während des Expansionskrieges von 1846 bis 1848 geleistet hatten. Aus ihren Reihen gingen viele Offiziere hervor, die während des Amerikanischen Bürgerkrieges auf beiden Seiten hohe Kommandostellen übernehmen sollten. Für die beiden Dragonerregimenter folgte die Umstrukturierung in die reguläre Armee. Am 3. August 1861 wurden aus den 1. und 2. Dragonern jeweils das 1. und 2. Kavallerieregiment der Union.

                                                                            

                                                  Henry Dodge (1782 - 1867)                          David Emanuel Twiggs (1790 - 1862)

 

 

Links steht ein US - Dragoner und beobachtet gemeinsam mit General Zachary Taylor das Kriegsgeschehen

 

 

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